Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Thassos    I II III

Sie haben ihre eigene Mentalität

Alles muss man mit den Fähren, die von zwei Häfen zum Festland fahren, holen und bringen - die Verwandten, lebende Hühner und Fernsehgeräte. Je nachdem, wo man auf der Insel wohnt, nimmt man entweder den Hafen der Hauptstadt Thassos oder den von Prinos. Dort ist nun allerdings gar nicht viel los, doch ist man in 70 Minuten mit der Fähre in Kavalla, einer überaus hübschen Hafenstadt mit quirligem Leben, zahlreichen steinernen Zeugen einer alten Zeit und einem mächtigen byzantinischen Kastell, das Hafen und Stadt überragt.

Von Kavalla wird Thassos auch verwaltet und das bedingt, dass die Inselbewohner zu jeder Amtshandlung aufs Festland fahren müssen. Dabei wären sie viel lieber ganz unter sich. Sie haben ihre eigene Mentalität und sind noch ganz in der alten Tradition verhaftet, in die sie Fremden aber gerne und herzlich für kurze Zeit Einblick gewähren.

Die Geschäfte in der Hauptstraße von Thassos-Stadt (die man auch "Limenas" nennt) öffnen am Morgen gemächlich zwischen neun und zehn. Vorher kommen die Urlauber hier nicht her. Der Ire, der vor elf Jahren sein Herz an die Insel verlor und eine Einheimische heiratete, hängt sogar noch später seine wunderschönen Ledertaschen vor die Ladentür. Er lässt sie nach eigenen Angaben aus feinstem Material anfertigen und weiß, dass er seine preiswerten Waren am besten am späten Nachmittag verkaufen kann. Da flanieren die Urlaubsgäste durch die Gassen des alten Städtchens, bevor sie sich in einer der vielen Kneipen am Meer zu griechischem Wein und fangfrischem Fisch niederlassen und in den Abend träumen.

Vielleicht sind sie heute im Kloster Archangelos gewesen, das wie ein Nest in den Bergen hängt und von 25 orthodoxen Nonnen bewohnt und instand gehalten wird. Man ist hier außerordentlich streng, wenn es um schickliche Kleidung geht: Arme und Beine müssen vollständig bedeckt sein - Shorts sind undenkbar. Damen müssen Röcke tragen, und zwar möglichst lange. Hat man keinen Rock dabei, nimmt man einen, wie sie stapelweise an der Klosterpforte liegen, und zieht ihn über die Jeans.

Die kleine Kapelle von Archangelos ist dem Erzengel Michael geweiht und sehenswert. Ein Nagel, mit dem Christus ans Kreuz geschlagen wurde, wird hier aufbewahrt.

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