Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

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Das Elefanten-Waisenhaus

Heute fahren wir nach Kandy. Auf dem Weg dorthin, in Pinnawela bei Kegalle, liegt das einzige Elefanten-Waisenhaus der Welt. Etwa 40 Babies, aber auch schon etwas ältere Elefanten, werden hier aufgezogen. Die Wildhüter finden die Tiere irgendwo im Dschungel, wenn sie sich verletzt haben oder krank sind, oder wenn ihre Mütter in den Fallgruben der Wilderer verendeten.

Gute 35 Liter Milch trinken die Kleinen pro Tag aus riesigen Flaschen und mit grossem Appetit. Man kann dabei zusehen und sich ausdenken, wie hübsch es wäre, so ein stämmiges graues rundes Elefantenbaby mit nach Hause nehmen zu können. In den Dschungel können sie nicht zurück - sie werden an Zoos verkauft oder zu Arbeitselefanten ausgebildet.

Gegen Abend erreichen wir den "Mittelpunkt Sri Lankas" - Kandy, Endpunkt der Pilgerfahrt gläubiger Buddhisten, Ziel der Touristen aus aller Welt, eine Kleinstadt mit dem wertvollsten Heiligtum der asiatischen Welt: dem "Tempel des heiligen Zahns". Um halb acht Uhr abends rufen uns die Trommeln zum Heiligen Schrein. Hunderte von Gläubigen warten seit Stunden barfüssig vor dem goldbeschlagenen Tor zum Allerheiligsten, Lotusblüten in den Händen und betend.

Ich werde mitgeschoben "Sadhu, Sadhu!" rufen die Massen - heilig, heilig. Endlich bücken wir uns durch einen niederen Türrahmen. Priester in Gelb-Orange nehmen uns die Blütenblätter aus den Händen, die man als Opfergaben darbietet. Für Sekunden sehen wir hinter Glas herrlich vergoldete Figuren und einen meditierenden Buddha. Der Duft der Blüten und Räucherstäbchen ist betäubend. Grosse Kerzen flackern, im Menschenstrom werden wir wieder hinausgetrieben auf die Strasse.

Kleine Jungen schütten mir Wasser über die Füsse, schauen mich an und fragen: "You have pen, madam?" Kugelschreiber sind das gültige Zahlungsmittel - selbst bei symbolischen Handlungen.

Aneinandergereihte Symbole werden auch durch die Tänzer von Kandy dargestellt. Jede Trommel hat einen klangvollen Namen, eine andere Bedeutung: Davuna, Bere, Tammattama heissen sie. Jede wird anders geschlagen, jede tönt anders. Nur diese Trommeln und eine kleine Klarinette begleiten die Bewegungen der schön gewachsenen jungen Mädchen und Männer. Fast werden sie von ihrem Schmuck erdrückt. Sie zeigen die Bewegungen der Kobra und des Elefanten, des Schmetterlings und der Lotusblüte auf dem Wasser. Sie tanzen nicht nur für die Pilger; sie tanzen für sich und ihre Götter.

An diesem Abend haben wir einen Vorgeschmack bekommen auf Sri Lankas grösstes Fest, das nur einmal im Jahr unter ungeheurem Pomp stattfindet: die Perahera von Kandy. Dieses rituelle Fest ist das grösste religiöse Spektakel in ganz Asien und für den Europäer weithin unverständlich in seiner tieferen Bedeutung.

Wer das Glück hat, ein Bett in der lange vorher ausgebuchten Hügelstadt gefunden zu haben und am Tage des grossen Umzuges ein paar Quadratzentimeter Platz am Strassenrand, erlebt ein Schauspiel, das an Prächtigkeit nichts Vergleichgbares hat in der Welt. Über 200 reichgeschmückte und mit Silberumhängen versehene Elefanten, auf denen die Würdenträger sitzen, ziehen durch Kandy - begleitet von Mönchen, Peitschenknallern, Trommlern und Tänzern.

Der erste Elefant, der Heilige, trägt das Kleinod Sri Lankas: den linken oberen Eckzahn Buddhas in einem goldenen Schrein. Den ganzen langen Weg schreitet er auf weissem Tuch, damit sein Fuss niemals den unheiligen Schmutz der Strasse berühre.

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