Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

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Anuradhapura ist ein Heiligtum

Es ist uns schon zur Selbstverständlichkeit geworden, aus den Schuhen zu schlüpfen und die Kopfbedeckung abzunehmen, wenn wir eine Heilige Stätte betreten. Der uralte Bodhi-Baum ist von einem hohen spitzen Zaun umgeben, den niemand übersteigen kann. Könnte man es, würde es den Baum längst nicht mehr geben, die Pilger hätten ihn in ihrer Verehrung einfach umgebracht.

Tausende von bunten Stoffetzen, die überall angebunden sind - am Zaun, an den Ästen - zeugen von den Opferreisen der Gläubigen. In einer Ecke steht eine grosse Fasstrommel. Dort hinein kann man sein Reispäckchen legen - die Tempelwächter und die Mönche sind dankbar dafür.

Anuradhapura ist nicht nur ein Heiligtum, es ist auch die älteste der Königsstädte. Dreizehn Jahrhunderte lang wurde das Reich von hier aus regiert. Noch heute kann man die Friedhöfe der einzelnen Kasten aus dem 4. Jahrhundert vor Christus sehen. Wie eine riesige weissgetünchte Glocke erhebt sich Ceylons älteste Dagobe aus den Resten antiker Bauten.

Die Dagobe enthalten stets Reliquen. In dieser hier soll sich das rechte Schlüsselbein Buddhas befinden. Keiner hat es je gesehen, doch die Legende hält sich seit Jahrtausenden. Die steinerne Phalanx der Elefantenköpfe ist ein Beweis für die Macht der ehrwürdigen Stadt in früherer Zeit. Von ihrem Reichtum künden noch heute die riesigen Königsbäder mit den schön gemeisselten Figuren, die alle symbolische Bedeutung haben - das steinerne kleine Liebespaar am Insurumunyia-Tempel, das Elefantenrelief, der Mondstein mit seinen Tierornamenten am Treppenaufgang des Mahasena-Palastes. Wir sollten ihnen noch oft begegnen, diesen Mondsteinen, aber nie mehr in dieser Vollendung.

Für die Besichtigung der Stadt und der Tempelanlage muss man sich Zeit nehmen, um alles in Ruhe zu betrachten. Überhaupt Ruhe! Sie kommt ganz von selbst. Europa-Hektik ist unangebracht. Die grosse Hitze, die lautlosen, barfüssigen, niemals hastenden Menschen, die ehrwürdigen Heiligen Städte bringen ganz von selbst Gelassenheit.

Abends das erste "Curry" in einem der Rest-houses, einer Raststätte also, an der Strasse. Zwei, drei, fünf, sieben Schüsseln kommen auf den Tisch -Kürbisgemüse, Gurkengemüse, Bohnengemüse, Mango, frische Ananasstückchen mit Zwiebeln, weisser Fisch in roter, scharfer Sosse mit Lorbeerblättern und Nelken. Und Reis, mit Safran, leuchtend gelb gefärbt. Die Einheimischen mischen alles schnell mit ein paar Griffen zu einer Kugel und schieben sie sich in den Mund.

Es gibt keinen Alkohol, dafür aber den frischen Saft der Passionsfrucht. Gegen die Schärfe der Speisen isst man geriebene Kokosnuss. Draussen sitzt ein alter Mann im Strassenstaub und bläst auf der Kürbisflöte. Er hebt den Deckel des Kokosnusskorbes, die Kobra steigt lautlos auf und sieht mich böse an. Die schmale Zunge schiesst aus ihrem Mund. Der Mann lässt den Korbdeckel über ihr kreisen; scheinbar widerwillig wiegt sie ihren Oberkörper im Rhythmus der klagenden Töne.

Es wird früh dunkel. Man kann abends nicht viel tun -es gibt kein Nachtleben. Daher geht man früh schlafen. Der Fussboden meines Zimmers mit der Duschecke ist braunrot gestrichen und kühl. Hinter einem Vorhang verbirgt sich eine Kleiderstange mit Plastikbügeln. Die Seife am Waschbecken riecht so schlimm, dass ich sie vors Fenster lege.

Ich krieche unter mein Moskito-Netz. Der Ventilator kreist über mir. Auf dem Boden neben der harten Lagerstatt glimmt die Moskito-Spirale. Es hat kaum abgekühlt. 128 Meilen sind wir heute gefahren und haben dafür Stunden gebraucht. Wir haben Bekanntschaft gemacht mit etwas ganz Fremdem. Ich bin sehr müde. Der Monsun beginnt.

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