Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Schweden: Mariefred   I II IIISchweden


Tucholsky nachgereist

"In Mariefred lässt man es langsam gehen und nimmt die Gelegenheit wahr, das Dasein zu geniessen. Die Stadt ist klein und es scheint so, als sollte man sich nicht zu schnell auf den Strassen bewegen."

Sicher hat er diesen Werbespruch nicht gelesen, der Kurt Tucholsky, als er sich seinerzeit, 1929, auf den Weg in die Emigration machte. In eben dieses Mariefred in Schweden. Und auf Umwegen mit der Eisenbahn. Es muss ziemlich lange gedauert haben damals. Wie er überhaupt auf dieses winzige Städtchen verfiel, ist nicht bekannt. Sicher aber ist, dass er es für uns bekannt gemacht hat. Und irgendwann überfällt einen dann der dringende Wunsch, selbst dorthin zu reisen, wo dieser Schriftsteller seine schönste Liebesgeschichte geschrieben hat: nach Schloss Gripsholm.

Heute - 75 Jahre später - geht das einfacher und schneller. In knapp zwei Stunden ist man mit dem Flugzeug in Schwedens Hauptstadt Stockholm. Ab dann gibt es mehrere Möglichkeiten, Tucholsky nachzureisen. Mit dem Auto dauert es nur 40 Minuten, mit dem Schnellboot, das mitten in der Stadt liegt, etwas mehr als eine Stunde: über den Mälarsee, immer gen Westen. Aber am stilvollsten ist es mit dem Dampfschiff "Mariefred", das ebenfalls mitten in der Stadt am Rathaus (auf schwedisch "Stadshus") ablegt. Das dauert dann ein bisschen länger. Aber man lässt es ja hier langsam (an)gehen.

Die SS "Mariefred" ist einer der letzten mit Kohle geheizten Dampfer. Seit 1903 fährt sie im Linienverkehr diese immer gleiche Strecke durch die Schären. Was sage ich - die alte Dame stampft und rüttelt und schickt schwarze Rauchschwaden in den blauen Schwedenhimmel. Tief drunten in ihrem Bauch schaufelt nicht nur der Heizer unablässig Braunkohle in den Ofen dieses vorsintflutlich gemütlichen Ungeheuers, auch ein weiblicher Smutje wirft ebenso unermüdlich Würste und riesige Fleischstücke auf einen glühenden Herd. Die Luft am Mälarsee macht hungrig. Das ist aber kein Problem, gibt es doch einen richtigen Speisesalon auf der "Mariefred", mit weissgedeckten Tischen, ganz wie auf den Luxusschiffen der Weltmeere.

Man hat viel zu sehen links und rechts: Buchten mit und ohne Badegäste, rote Häuschen mit und ohne Boot am Steg, Möwen und andere Vögel, weisse und dunkle Wolken, ein Dörfchen, ein Kirchturm, grossartige Landschaft und viele Bäume - es dauert seine Zeit, bis man alles in sich aufgenommen hat.

Und als unser Schiffchen tutet, blicken wir über die Reling nach vorn. Da taucht es auf - das schlanke weisse Türmchen von Mariefreds Kirchlein. Ein Kai, kaum 20 Meter lang und sehr schmal, ein paar Bäume, ein Kiesweg, der ins Städtchen führt.

Es sind nur ein paar Schritte bis zu Schwedens ältestem Gasthaus, dem "Gripsholms Värdshus". Seit 400 Jahren kann man hier einkehren, rasten und speisen - neuerdings auch fürstlich wohnen, ja residieren, standesgemäss gegenüber vom Schloss. Just an der Stelle, wo Überreste einer mittelalterlichen Kartause freigelegt wurden, soll hier einst Mariefred gegründet worden sein - eine Tafel im Vorgarten belegt dies jedenfalls.

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