Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Neckartal    I II III IV

An einer Kette den Fluss hinauf

Was ein "vulkanischer Härtling" ist, erfährt man im winzigen Ort Waldbrunn, nebenan im Odenwald. Dort ist vor 60 Millionen Jahren ein Vulkan aus den tiefen Schichten des Jura ausgebrochen. Dessen erstarrte Schlotfüllung ist wesentlich härter als die umgebenden Gesteine, weshalb sie heute weit höher aufragt. Der "Katzenbuckel" - so heißt der Berg im Volksmund - ist mit seinen 625 Metern die höchste Erhebung im Odenwald. Geologen haben dort einen ganz speziellen Lehrpfad angelegt, den "Weg der Kristalle", auf dem man faszinierende Einblicke in das Geschehen der Zeit erhält, als die Dinosaurier bereits ausgestorben waren und Säugetiere die Welt eroberten. Der Weg ist nicht besonders schwierig. Oben auf dem Katzenbuckel angekommen, hat man einen einzigartigen Rundblick über den Odenwald mit seinen tief eingeschnittenen Tälern und seinen waldreichen Hochflächen.

Ob Mark Twain hier oben war, darf bezweifelt werden. Verbürgt aber ist, dass er durch den Neckarort Eberbach kam. Vielleicht auf einem der Schiffe, die wie er beschreibt - "sich nicht durch die Kraft von Schaufelrädern oder Schiffsschrauben, sondern an einer Kette den Fluss hinauf bewegen". Das hat ihn sehr fasziniert.

Heutzutage kann man im Städtischen Museum in Eberbach alles über die Kettenschifffahrt auf dem Neckar, die für den Holzhandel außerordentlich wichtig war, erfahren. Es ist ein sehr liebevoll gestaltetes und keineswegs langweiliges Museum. Die alte Stauferstadt mit ihren winkligen Gassen und den schönen Fachwerkhäusern, dem berühmten Café Victoria, dessen Eigentümer Torten für das englische Königshaus erfindet und dorthin abenteuerlich expediert, ist einen Besuch wert.

Neckarsteinach nennt man "Vier-Burgen-Stadt". Mark Twain kam hier mit einem Neckardampfer an. Er hat die Burgen, die über dem Städtchen liegen, von unten betrachtet und sich erzählen lassen, daß hier die Heimat des Minnesängers Bligger von Steinach war. Der wohnte in der Hinterburg, dem Stammsitz der Herren von Steinach. Die entstand, ebenso wie die Mittel- und die Vorderburg sowie eine kleine Burg außerhalb, das "Schwalbennest", im 12./13. Jahrhundert. Hinterburg und "Schwalbennest" sind Ruinen, aber begehbar. Die Mittelburg wurde im 16. Jahrhundert zum Renaissanceschloß umgebaut. Dort wohnt nun die Familie, der die ganze Burgenpracht gehört.

Mark Twain nahm Neckarsteinach als Ausgangspunkt zur Besichtigung einer anderen Burg: Die Feste Dilsberg am linken Neckarufer. Er beschreibt sie, als er sie zum erstenmal von weitem sieht, als eine "Königskrone in luftiger grüner Höhe". Er ist auch hinaufgestiegen und tat sich dabei so schwer wie die Sommerfrischler heute - es geht nämlich recht steil zur Burg hinauf. Autos sind nicht zugelassen. Die Dilsberger wollen offenbar wie eh und je unter sich bleiben. Sie fühlen sich geschützt innerhalb ihrer dicken Festungsmauern - die Burg der Gaugrafen aus dem 13. Jahrhundert ist nie eingenommen worden.

Die Burgruine hat einen dicken besteigbaren Turm, von dem man weit ins Land blickt. An der Burgmauer rankt sich ein Rosenstock mit weißen und roten Blüten, um den wiederum sich eine Legende rankt. Aus dem tiefen Burgbrunnen weht ein eiskalter Hauch. Ein unterirdischer Gang, den man wieder freigelegt hat, führt ins Dorf hinab. Durch ihn wurden einst die Verteidiger von den Frauen im Ort versorgt. Deshalb war die Feste uneinnehmbar.

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