Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Jordanien   I II III IV VJordanien


Es haben die Wolken gelogen:
Es kam kein Regenguss

Wir sind in der Schlucht, die hier noch breit aufklafft. Es geht steil abwärts. Hoch ragen die Felswände neben uns auf, braun mit schwarzen Einschlüssen; die Formationen wechseln. Das Pferd geht ruhig, es kennt den Weg. Eine Gruppe Amerikaner kommt uns zu Pferd entgegen; sie grüssen nicht einmal. Sind sie zu erschöpft oder zu sprachlos ob dem, was sie gesehen haben?

Mein Beduine hat mich eingeholt und will mehr wissen über mich. Habe ich einen Mann? Kinder? Drei Söhne sogar - ich merke, wie ich in seiner Achtung noch mehr steige. Er hat sieben Kinder, sagt er, einer ist bei der berittenen Wüstenpolizei. Die reiten Kamele, nicht Pferde. Will ich ein Kamelrennen sehen? Gerne, sage ich. Dies ist das einzige mir bekannte Land der Erde, wo solche Rennen veranstaltet werden. Wann und wo? Er wird seine Frau fragen, ob ich in sein Haus kommen kann. Und er wird ihr sagen, dass sie Tee machen soll für diese Frau, die reiten kann und obendrein drei Söhne hat.

In der Schlucht ist es fast dunkel geworden. Es geht steil abwärts, der Weg wird schmaler. Die Sonne kann nicht mehr hereinsehen. Die Hufe der Pferde vor mir wirbeln Staub auf. Jedes menschliche Leben scheint hier unmöglich.

Mein Führer deutet auf seltsame Gebilde im Fels. Es sind Tonröhren, in denen einst ein kunstvolles System die Bewohner Petras mit Wasser von weit her versorgte, vom Wadi Mousa.

Clemens Brentano fällt mir ein: "Ich bin durch die Wüste gezogen, des Sandes glühende Wogen verbrannten mir den Fuss. Es haben die Wolken gelogen: Es kam kein Regenguss."

Man kann jetzt keine Wolken, nicht einmal den Himmel mehr sehen. Der Fels scheint über uns zusammenzuwachsen. Ich weiss nicht, wie lange wir schon reiten.

Da sind wir auf einmal auf einem weiten Platz. "Good horse" macht einen kleinen Satz. Wie wenn das Tier wüsste, was sein Reiter empfindet, bleibt es wie angewurzelt stehen und dreht den Kopf zur Seite. Ich lasse ihm die Zügel lang und werde ganz andächtig. So geht es jedem, der Petra zum erstenmal sieht. Man ist überwältigt. Die Grossartigkeit, die Farben, die Ausmasse der Totenkammern mit ihren Säulen machen den Menschen klein. Ich lasse mir vom Pferd helfen und schaue.

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