Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

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Merry Olde England

Heute ist Manchester eine moderne Industriestadt, in der neben Textilien auch Glas, Gummi, Maschinen, Nahrungsmittel und Elektronik produziert werden. Ein perfekt funktionierender, schnell wachsender Flughafen liegt am Rand der Stadt und bringt außer den Geschäftsleuten auch mehr und mehr Touristen hierher. Der Autoverkehr ist fast ganz aus der Innenstadt verbannt. Die Straßen sind blitzsauber. Man kann stundenlang im Arndale-Einkaufszentrum mit seinen fünf großen Kaufhäusern und den über 200 kleinen Läden und Boutiquen bummeln - es ist Europas größtes Shopping-Center. In die ehemalige Baumwollbörse hat man ein futuristisches Theater hineingebaut, das wie ein eben gelandetes Ufo aussieht. Seine 400 Sitzplätze sind Abend für Abend voll besetzt. Natürlich gibt es auch ein Opernhaus und selbst in den Sommermonaten wird in Manchester ein großes Kunst- und Kulturprogramm angeboten.

Unter der Jugend in Europa scheint sich das schon herumgesprochen zu haben, denn die supermoderne Jugendherberge ist fast immer ausgebucht. Wenn die Jugendlichen nicht gerade im unmittelbar vorbeifließenden Kanal ihre Beine ins Wasser baumeln lassen, findet man sie in der alkoholfreien Kneipe an der Ecke oder im "North Western Museum of Science and Industrie", wo man sich die ohrenbetäubenden alten Spinnmaschinen ansehen kann, die dort mehrmals täglich eingeschaltet werden.

Noch ein paar Superlative hat Manchester zu bieten. So wurde im Sommer 1995 Europas größte Arena eröffnet. In ihr finden die größten Sportereignisse statt, die berühmtesten Bands der Welt treten auf, Boxweltmeisterschaften und Eishockeyspiele werden abgehalten. Musicals und Rocker werden kommen. Und alles kann von fast 20000 Plätzen aus angesehen und angehört werden. Man lockt nicht nur die elf Millionen Einwohner von Greater Manchester hierher, sondern erreicht mit einem immensen Werbeaufwand Gäste aus der ganzen Welt. Stadtführer wurden in allen Sprachen ausgebildet und mit der Historie der Stadt vertraut gemacht - sie müssen ebenso Bescheid wissen über die Bühnentechnik der neuen Arena wie über den Bestand der riesigen Chetam-Bibliothek, die in einem wunderschönen klosterähnlichen Gebäudekomplex an der Musikschule untergebracht ist.

In dieser Bibliothek saßen Marx und Engels zusammen, um die Welt zu verändern. Ihr Tisch in einem Erker des Gebäudes wird von allen Besuchern ehrfürchtig bestaunt.

Und wenn man dann genug hat von soviel Kunst und Geschichte, von den vielen Galerien und dieser Menge von Erst- und Einmaligem, dann kann man im angeblich größten und besten China-Restaurant außerhalb Chinas essen gehen. Es liegt in der Princess Street und rühmt sich, zu jeder Tageszeit 60 Gerichte anzubieten. In vier Stockwerken werden pro Abend über 800 Menschen verköstigt. Man sitzt dichtgedrängt an großen Tischen und es ist so laut, daß man sich mit seinem Nachbarn nicht unterhalten kann. Das Essen aber, das von Heerscharen junger lächelnder Kellner aufgetragen wird, ist einfach wunderbar. Nur Asiaten sind hier beschäftigt, die einem auch gerne zeigen, wie man mit Stäbchen ißt.

Für uns jedoch war es viel eindrucksvoller, ausgerechnet in Manchester of all places zu erfahren, daß die englische Küche entschieden besser ist als ihr Ruf. Gleich neben dem Flughafen ist das "Etrop Grange", eins der vielen alten Landhotels, das englische Tradition pflegt. 1780 als Privathaus für einen Strumpffabrikanten erbaut, ist es heute eine Oase der Ruhe mit Himmelbetten, Antiquitäten und einer exquisiten Küche. Manche dieser Häuser servieren stilvoll auch täglich den "5 o'clock Tea", wie beispielsweise das "Rookery Hall", das bei Hochzeitspaaren sehr beliebt ist. Es ist ein Schloß weit draußen im Grünen. Und während man im Salon aus schweren silbernen Teekannen eingeschenkt bekommt, die Qual der Wahl hat, von welchem der vielen Törtchen, buns, Brote oder Kuchen man zuerst nehmen soll, kann man draußen im Park einer Falkenvorführung zusehen oder einfach nur ins Kaminfeuer schauen.

"Merry Olde England", mitten im Industriegebiet. Zwei Welten, die sich ergänzen, und ein anregendes Erholungsgebiet in einer Gegend, wo es niemand vermutet.

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