Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Franche-Comté    Franche-ComtéI II III


Festungen und Burgen riesigen Ausmaßes

Das war nicht immer so. Die Franche-Comté wurde in früherer Zeit sehr gebeutelt. Eine Zeitlang gehörte sie zum Deutschen Reich, auch zu Spanien und eine Weile zu den Niederlanden. Montbéliard war 1397 sogar ein württembergisches Herzogtum. Sein Schloß kann man besichtigen.

Überall in der Franche-Comté stehen Festungen und Burgen riesigen Ausmaßes, ständig musste man kämpfen und sich verteidigen, der Feind war überall. Das mächtige Herzogtum Burgund wollte sich die Menschen jenseits der Saone untertan machen, aber mit deren ausgeprägtem Sinn für Unabhängigkeit ließ sich das nicht vereinbaren. "Franche" bedeutet "frei". Und nachdem bereits im 13. Jahrhundert landwirtschaft-liche Kooperativen entstanden waren - beispielsweise die Käsereien und die Nutzunggemeinschaften der großen Wälder - hat sich diese Grenzregion nie unterkriegen lassen. Noch im Jahr 1870 hielt die Stadt Belfort hundert Tage gegen eine preussische Besetzung stand - die Einwohner verschanzten sich in den dicken Mauern ihrer mächtigen Festung und verteidigten die Stadt erfolgreich.

Noch immer wacht der große sandsteinrote Löwe über diese Stadt, die im Durchgang vom Elsass nach Burgund liegt. Die mittelalterliche Altstadt ist wunderbar erhalten und restauriert - hier spielt sich auch das heutige Leben ab. An jedem ersten Sonntag im Monat findet auf allen Plätzen und Straßen Ostfrankreichs größter Antiquitätenmarkt statt. Zu Pfingsten 2000 werden 3500 Musiker aller Stilrichtungen aus ganz Europa erwartet, die Konzerte bei freiem Eintritt geben werden. Auch Modernes sieht man in der alten Stadt: im November 1999 wird in Belfort ein neues Museum für moderne Kunst eröffnet.

Belfort ist eine hübsche, heitere Stadt mit vielen alten, aber auch neuen Brunnen und prächtigen Wasserspielen, einem eleganten überdachten Einkaufszentrum und vielen kleinen erstklassigen Restaurants. Die Fassaden der Häuser sind bunt; es gibt ein Gesetz, nach dem sie alle zehn Jahre neu und farbig bemalt werden müssen. So kommt niemals Tristesse auf.

Etwas ausserhalb, in Sochaux, liegt das Peugeot-Museum, in dem man - aufs Beste präsentiert - zahlreiche Oldtimer, aber auch Motorräder und sonst allerlei Technisches sehen kann, für das sich junge und alte Autofreaks interessieren.

Ansonsten ist die Franche-Comté eher ländlich geprägt. Im netten Städtchen Morteau beispielsweise - auf dem Plateau, wo sich der Fluss Doubs im Sumpfland verliert - sind die Uhrmacher angesiedelt. Dieses Handwerk hat hier Tradition. Ein kleines Uhrenmuseum hat Yves Cupillard in einem verdunkelten Raum eingerichtet. Dort zeigt er selbstgebaute und auch alte Uhren - die älteste noch funktionierende stammt von 1680. Ein Tonband erklärt (auch auf deutsch) die Geschichte dieser Uhren. Viele von ihnen machen Musik, Figuren bewegen sich zierlich, man sieht lebhafte Szenen aus dem bäuerlichen Leben, wobei man einem Lichtkegel folgt. Immer wieder erfindet der Meister neue Varianten, er ist ein uhrenbesessener technischer Künstler und liebt die ausgefallenen Stücke wie seine Kinder.

Gerard Marguet in Gilley dagegen liebt seine Würste. Schon sein Vater machte diese ganz besonderen Würste und gründete rief sogar eine Wurstrepublik aus - mit Zollschild und allem, was dazu gehört. Man ließ ihm seine Spinnerei, denn seine Würste sind unübertroffen gut. Zu Tausenden hängen sie im Räucherraum in einem riesigen "Tuye", einem Kamin, der mit besonderem Holz geheizt wird. Die Zusammensetzung der Gewürze, die über das Feuer gestreut werden, verrät der Sohn nicht. Mit glitzernden Augen sagt er nur, dass die Würste drei bis vier Wochen hier im Rauch hängen und anschließend noch einmal ebenso lange in der erkaltenden Asche ruhen müssen. Wenn man dann nach einer Probe dieser Köstlichkeiten wieder ins Freie tritt, verbreitet man noch stundenlang einen Würzgeruch, als ob man selbst geräuchert worden wäre.

Den Duft aber kann man sich umgehend wieder "abwandern". Die Franche-Comté ist eine überaus bezaubernde Wanderregion, sei es in den Flusstälern und in den Wäldern entlang der Doubs oder aber - für Geübtere - in den Vogesen und im Jura. Immer wieder trifft man in den Dörfern auf die im traditionellen Stil gebauten Häuser, bei denen Steine und Holz zu kunstvollem Fachwerk verschachtelt sind - ganz anders als bei uns.

Madame Jacquin betreibt eine Berghütte auf dem Gipfel des Mont d´Or oberhalb des Dorfes Rochejean. Von dort hinauf zur Hütte ist es ein fast gemütlicher Spaziergang. Und die Berghütte entpuppt sich dann als Chalet-Restaurant für Feinschmecker, in dem den ganzen Tag, jahraus-jahrein ein riesiges Holzkohlenfeuer glüht, über dem Madame kunstfertig und flink allerlei grillen lässt, von der Wurst bis zum Käse. Dazu gibt es üppige Salate und selbstgebackenes Brot. Hinterher kommt eine Heidelbeertorte, für die Madame berühmt ist. Im Sommer kann man mit dem Auto bis vor die Haustür fahren, im Winter eher mit Skiern. "La Boissaude" ist aber nur eine von vielen hübschen Berghütten in der Gegend. Alle haben die gemütlich-rustikale Atmosphäre, die von Wanderern wie von Mountainbikern, vor allem aber von Skifahrern geschätzt wird. Hier findet man keine Schicki-Micki-Gesellschaft, aber im Sommer seltene Pflanzen und Blumen für den, der noch zu sehen weiss.

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