Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Dithmarschen    I II III


Traupredigt in plattdeutsch

In der Kirche von Heide mit ihren dicken Mauern erlebten wir eine Traupredigt in plattdeutsch - der Anlaß war allerdings ein besonderer, den man nur alle zwei Jahre am ersten Juliwochenende erleben kann. Dann nämlich geht es auf dem Marktplatz des kleinen, hübschen Städtchens mittelalterlich zu. Man feiert mit großem Aufwand den "Heider Marktfrieden". Hier begann im Jahr 1447 eine höchst eigenartige und einzigartige Staatsform Gestalt anzunehmen. Die stolzen und unabhängigen Bauernverbände, die sich weder von den Landesfürsten noch von der mächtigen Kirche regieren ließen, tagten erstmals auf dem Marktplatz in Heide. Sie wählten 47 Vertreter aus dem Volk, die das Leben der Bauerngemeinden lenken sollten und auch Recht sprechen durften. Über alle Köpfe der Obrigkeit hinweg wurde der "Marktfriede" festgeschrieben, der für immer die friedliche Ausübung des Handels im Dithmarscher Land gewährleisten sollte. Adel spielte keine Rolle - deshalb findet man in dieser Gegend auch keine Schlösser oder große Gutshöfe wie anderswo in Schleswig-Holstein. Die politische Brisanz der damaligen Zeit ist heute vergessen.

Über hundert Stände sind bei dem fröhlichen Fest aufgebaut, Handwerker zeigen ihre Kunst, wie sie im Mittelalter ausgeübt wurde. Gaukler und Wahrsager treten auf, Met wird ausgeschenkt, alles trägt alte Tracht, Reiter machen Kampfspiele mit dicken zähen Pferden, man sitzt auf Stroh oder an langen Tischen auf Bänken zusammen und feiert drei Tage lang bei alter Musik bis zur Erschöpfung. Den Abschluß des größten Festes weit und breit bildet ein langer Festzug, wie man in kaum irgendwo anders in Deutschland sehen kann. In diesem Umzug fährt auch eine Brautkutsche mit, in der ein aus vielen Bewerbern ausgesuchtes Hochzeitspaar zur Kirche gebracht und feierlich und rechtsgültig auf platt vermählt wird. Die einzige Bedingung ist, daß das Paar aus Dithmarschen kommt und zumindest ein Partner Bauer oder Bäuerin ist.

An Weihnachten, auch an manchen Sonntagen im Sommer finden in der St. Clementskirche in Büsum, in der St. Bartholomäus-Kirche in Wessoburen und im Meldorfer Dom Gottesdienste in plattdeutscher Sprache statt. Auch die Lieder werden in platt gesungen.

Es versteht sich von selbst, daß man in einem Land, in dem so viel im Freien gearbeitet wird, auch gut und kräftig essen muß. In Dithmarschen gibt es viele Gasthöfe. Die wenigsten sind elegant, aber alle sind überaus gediegen und gemütlich. Die Besitzer kochen meist selbst und man muß einen gesunden Magen haben, um all das aufzunehmen, was da auf den Tisch gestellt wird. Der Mehlbeutel mit und ohne Rosinen zur saftigen Schweinebacke und Kohl ist auf fast jeder Speisekarte zu finden. Die berühmte Rote Grütze aus frischen Früchten mit Sahne gibt es immer und überall zum Abschluß des Essens. Ganz zu schweigen vom Tee mit unglaublich gutem selbstgebackenem Kuchen. Deftige Hausmannskost - darauf ist man zu Recht stolz. Selbstverständlich gibt es viel fangfrischen Fisch und Krabben in allen Variationen.

Und im späten Herbst und im Winter, wenn die Abende lang und dunkel sind, kann man in Dithmarschen zuweilen Abenteuerliches erleben. Eine Frauengruppe, die sich "Mords-Manager" nennt, veranstaltet im "Weißen Haus" zu Warwerot Krimi-Wochenenden. In diesem abgelegenen Landhotel gibt es dann nicht nur landestypische Spezialitäten, sondern die Gäste dürfen während ihres Aufenthalts mithelfen, einen erdachten Mordfall aufzuklären. Auf diese Weise kommen wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch, es passieren die seltsamsten Dinge, über die man sich gemeinsam wundert. Warum liegt die "Leiche" in Zimmer 8 und hat gerade einen Brief angefangen, der Rätsel aufgibt? Die Mords-Manager wollen zum kreativen und lustigen Spielen anregen. Wenn der Mordfall aufgeklärt ist, haben sich fremde Menschen kennengelernt und Abstand zu ihrem Arbeitsalltag gewonnen. Es soll schon vorgekommen sein, daß sich der eine oder andere Gast dann selbst hinsetzt und ein Krimi-Spiel schreibt. In meinem Fall war nicht die Küchenmagd die Mörderin, wie ich dachte, sondern jemand ganz anderes. Wer? Das müssen Sie selbst herausfinden.

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