Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Dänemark    I II III


Wenn nichts mehr los ist, wird's erst schön

Die Götterfrauen "Fenja" und "Menja" schenkten einst zwei Schiffskapitänen, die ihnen einen Dienst erwiesen hatten, zum Dank eine Mühle zum Salzmahlen.

Die Kapitäne mahlten viel Salz mit der Mühle, beluden damit ihre Schiffe, die sie "Menja" und "Fenja" getauft hatten, und befuhren die Weltmeere. Eines Tages aber strandeten sie im Sturm auf Sandbänken. Ihre Ladung ergoß sich ins Meer; sie hatten Hab und Gut verloren und lebten fortan auf diesen Sandinseln, die heute Mando und Fano heißen.

In der Tat ist das Meer um die Nordseeinseln Romo, Mando und Fano um ein halbes Prozent salzhaltiger als weiter südlich.

Die Inseln sind die dänische Fortsetzung der nordfriesischen Inseln. Fano war früher Eigentum des dänischen Königs und schon im 13. Jahrhundert in den Grundbüchern.

Die Inselbewohner waren von jeher eigenwillige Leute und recht aufmüpfig. Deshalb war es ihnen gerade recht, daß König Christian VI. im Jahre 1741 den Besitz verkaufen mußte. Sie konnten das Land, auf dem sie lebten, für sich selbst erwerben und waren jetzt eigenständig. Nun durften sie jagen, fischen und Schiffahrt betreiben. - Rechte, die bis dahin den Bewohnern des Festlandes vorbehalten waren.

Die Fanniker - wie sich die Bewohner von Fano nannten - fingen alsbald an, große und stolze Segelschiffe zu bauen; die "Dannebrog", die Dänenflagge wehte bald auf allen Meeren.

Heute wenden die Fanniker ihr seemännisches Talent vor allem der Autofähre zu, die ihnen Touristen - also bares Geld - zur Insel befördert. Als wir an einem bleichsonnigen Morgen dieser Fähre entstiegen, die alle 20 Minuten von Esbjerg herübertuckert, weht eine unsanfte Brise. Bente steht am Ende des kurzen Kais und schüttelt ihr kurzgeschnittenes, zerzaustes Windhaar. Neben ihr reißt der Kontrolleur die Karten ab, wie im Kino. Er sagt etwas im Inseldialekt, das wir nicht verstehen.

Wir steigen zu Bente ins Auto und fahren am Strand entlang. Zehn Minuten, zwanzig Minuten sehen wir Sand und sonst gar nichts. Nur links neben uns die Nordsee.

Auf einer Breite, die zwei Fahrzeuge brauchen, um aneinander vorbeizukommen, ist der Sand festgewalzt wie Beton. Tausende von Autos fahren hier täglich in der Hochsaison zwischen tausenden sonnenbadender Menschen hindurch. Aber im Herbst und Frühjahr ist der Weststrand fast ausgestorben.

"Was tun die Leute da draußen?", frage ich Bente und zeige aufs Wasser. In ihren hohen Gummistiefeln gleichen sie Fischern, aber sie stehen in eigentümlicher Haltung im Watt, gehen ein paar Schritte, starren zu Boden. Zuweilen bückt sich einer. Bente lacht: "Das sind Bernsteinsucher. Wenn einer Geduld hat und ihm Wind und Wetter nichts ausmachen, kann er Steine bis zur Größe eines Taubeneis finden. Meistens aber sind sie nur stecknadelkopfgroß. Die sehen hübsch aus, wenn man sie in ein schöngeformtes Glas füllt und gegen das Licht stellt."

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