Reisegeschichten - vorgestern wie übermorgen

von Annerose Lohberg-Goelz

Belgien    I II III IV


Europäischer Garten der Suppenkräuter

Eine gastronomische Reise durch Belgien könnte in der Provinz Antwerpen beginnen. Schon seit den Zwanzigerjahren betreibt man dort auf den kleinen Bauernhöfen hauptsächlich den Anbau von Sommergemüse. Man nannte diese Gegend den "Europäischen Garten der Suppenkräuter". Trotz der Furcht vor unbeständiger Witterung haben die Gemüseanbauer ständig neue Züchtungen hervorgebracht und sich damit Weltruf erworben. In Mecheln hat man zuerst mit dem Gemüseanbau unter Glas begonnen. Heute ist eine Industrie daraus geworden. Bester Spargel kommt aus dieser Gegend; in Geel ist sein Zentrum. Nach wie vor in den charakteristischen Erdwällen gezogen, verlangt er Fachkenntnis und Handarbeit. Mit dem Stechen, also der Ernte, beginnt man Mitte April. Es endet exakt und traditionell mit einem Fest am 24. Juni, dem Tag von Johannes dem Täufer. Dann sind in Belgien 10 000 Tonnen Spargel geerntet worden - die Hälfte für den Eigenbedarf.

Auch Blumenkohl ist in der Provinz Antwerpen zuhause, denn die Belgier sind Liebhaber dieses Gemüses. Fünf Kilo ißt jeder im Jahr. Man kann hier ungewöhnliche Blumenkohl-Variationen finden. In die berühmte Mechelner Blumenkohlsuppe kommen auch Lauch, Sellerie und Zwiebeln, die man alle im Mixer püriert und mit kochender Milch verlängert. Ein Stückchen Butter darf nicht fehlen; Feinschmecker geben eine Handvoll frischer Krevetten hinein.

Eine Besonderheit ist der belgische Chicoree. Er heißt hier "witloof", was soviel wie "weiße Blätter" bedeutet, wird schon seit über hundert Jahren hauptsächlich in der Gegend um Leuwen und Mecheln angebaut und ist Belgiens stärkster Gemüse-Exportartikel. Der Anbau von Chicoree ist nicht einfach und bedarf großer Erfahrung. Manche Erzeugerfamilien haben ihr eigenes "Geschäftsgeheimnis", das sie nur ihren Söhnen vererben. Immerhin verdanken wir es den belgischen Chicoree-Anbauern, daß man jetzt bereits ab September und bis in den Mai hinein dieses Gemüse kaufen kann.

Neu für unseren Gaumen war eine Lauch-Kreation, die wir in dieser Gegend versuchten. Der Lauch wurde uns in hauchdünnen Scheiben mit ebenso hauchdünn geschnittenem Ziegenkäse gereicht: Das Ganze war leicht erwärmt.

Machen wir einen Sprung aus der Provinz an die Küste! Kommt der bessere Aal aus dem alten Scheldearm in Antwerpen oder aus Nieupoort in Ostflandern? Dies ist eine Frage, die noch immer diskutiert wird, zum Glück aber keinen Einfluß auf die Vielfalt der Aalgerichte hat, die man in dieser Region finden kann. Den Aal mit Kräutern, warm oder kalt auf den Tisch gebracht, kennt jeder Feinschmecker. Doch nirgends wird er ihn so vollendet und abgerundet essen können wie hier. Gelegentlich schwimmt er in Bier.

Da wir gerade vom Bier reden, sei eine Abschweifung erlaubt. Man kann in über 54 000 Bierverkaufsstellen einkaufen. Soviele sind auch nötig, denn der Belgier trinkt durchschnittlich 126 Liter Bier im Jahr. Die Brauereizünfte waren einst ungeheuer mächtig. Die Mönche in den bierbrauenden Klöstern taten ein übriges dazu, indem sie auch an Fastentagen ihr trockenes Brot "cum aqua aut cervesia", mit Wasser oder Bier, befeuchteten. Der Schutzheilige der belgischen Bierbrauer ist denn auch ein Abt, Sankt Arnold von Tiegem nämlich, der feststellte, daß man mit dem Trinken von Bier Epidemien besser wiederstehen könne als mit jedem anderen Getränk.

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